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Grenz- und Scheidsteine

© Dorfgemeinschaft
Röhrenfurth

Letzte Änderung:
28.08.2011

800 Jahre Röhrenfurth (1982)
Geschichte und Geschichten eines Dorfes
Aktualisierte Ausgabe

Grenz- und Scheidsteine in unserer alten Gemarkung

Grenzen gibt es, solange Menschen miteinander in Beziehung stehen. Es liegt in der Natur der Sache, daß gerade die Grenzlinien, die die Besitzansprüche markieren, oft zu Streitigkeiten führten und auch heute noch führen. Wir brauchen nur an den Zaun von Nachbars Garten oder die, auf die Grenze gebaute Garage zu denken. Wie viele Grenzverträge sind geschlossen und wieder gebrochen worden, wieviel Streit, Fehden und gar Kriege gab es um Grenzen? Wenn wir in unseren Tagen etwas über Grenzen hören oder lesen, steht uns als grausamstes Beispiel einer „modernen" Grenze sofort die „Zonengrenze" mit ihren Drahtzäunen, Mauern, Minenfeldern, Tötungsmaschinen und Bluthunden an Laufdrähten vor Augen, die dann noch zynisch als Friedensgrenze bezeichnet wird.
Aber auch die Schlagbäume, Paß- und Zollstellen an den Landesgrenzen sind uns von unseren Urlaubsfahrten, die uns eilig von Stadt zu Stadt und von Land zu Land bringen, bekannt. Wer zu Fuß die Heimat erwandert, bemerkt in Feld und Wald noch viele angewitterte und bemooste Steine von einstigen oder noch gültigen Grenzen. Diese Steine berichten uns von Merkwürdigkeiten aus längst vergangenen Zeiten. Hierbei wird uns bewußt, in welch engen Grenzen unsere Vorfahren lebten, leben mußten, und daß nur wenige diese Barrieren überschreiten durften. Herren, Äbte, Grafen, Bischöfe, freie Städte, Herzöge und Könige sicherten sich ihren Lebensbereich, indem sie ihn hoheitsbewußt markierten. Um 1650 z.B. hatte das Deutsche Reich rund 300 Staaten - Gipfel deutscher und europäischer Kleinstaaterei 1803 durch Napoleon beendet. Im frühen Mittelalter zeigten die Grenzbeschreibungen in Wort und Schrift den Verlauf der Abgrenzung eines bestimmten Gebietes auf. Bald ging man jedoch dazu über, die beschriebenen Geländepunkte -weil sie sich durch natürliche Einflüsse veränderten- zu "bemahlen", zu kennzeichnen. Zumeist liefen die uralten natürlichen Grenzen auf den Höhenzügen, an Fluß- und Bachläufen entlang. Überall dort, wo keine solchen Gegebenheiten eine Festlegung erlaubten, wurden die Grenzlinien durch Raine, Aufwürfe, Gräben, Hecken (bes. bei Äckern, Wiesen und Hüten), Malbäume und dergl. gekennzeichnet. Bei den Mal- und Lachbäumen (Lache = forstw. Wort für Kerbe, Einschnitt in die Baumrinde), wie Eichen, Buchen, Hainbuchen schnitt man tiefe Kreuze in die Rinde ein oder durchbohrte den Stamm.
Die Sitte, Grenzsteine zu setzen, die mit den Hoheitszeichen der Herrschaften versehen waren, kam in unserem Gebiet erst im frühen 15. Jahrhundert auf. Die Steine wurden mit Symbolen, Jahreszahlen und Schriftzeichen versehen. Wo mehrere Grenzlinien zusammenstoßen, werden die Grenzsteine "Dreimärker" oder auch "Dreiherrensteine" genannt.
Ein solcher "Dreimärker" steht bei uns auf dem Wendesberg und bezeichnet mit den auf seinen drei Seiten eingemeißelten Buchstaben "M" "R" und "S" die Gemarkungen von Melsungen, Röhrenfurth und Schwarzenberg. Die Feststellung einer Grenze wurde nach alten Rechtsgepflogenheiten von vereidigten Beauftragten beider Parteien protokolliert. In öffentlichen Büchern (Flur-Grund-Salbüchern) und Urkunden wurde die Grenzlinie beschrieben sowie vermerkt, wann und durch wen die Markierung vorgenommen wurde. Die Aufstellung der Grenzsteine ging nach genauen Regeln vor sich. Zu einem bestimmten Termin kamen die berufenen „Märker" (Markscheider, Feldgeschworene, Steinsetzer) mit dem Vertreter der Obrigkeit zusammen und gingen die Grenze ab, indem sie an bestimmten, gegenseitig ausgehandelten Stellen Steine, Scheid-, Mark- oder Wendesteine setzten. Wenn das Loch für den Stein ausgehoben worden war, mußten sich alle Märker umdrehen und der Vormann legte in die Grube ein für die anderen nicht sichtbares geheimes Zeichen (Kunde, Gemerk, Loszeichen), dann wiederholte sich der Vorgang durch den Vorsteher der Gegenseite. Erst danach wurde auf die mit Erde bedeckten „Zeugen" der Grenzstein gesetzt und befestigt.
Die "Vermalsteinung" der Röhrenfurther Gemarkungsgrenzen erfolgte zu verschiedenen Zeiten und aus verschiedenen Anlässen, wie aus den Jahreszahlen auf den noch vorhandenen Grenzsteinen ersichtlich ist.
Erstmals erfahren wir von "zwey maalsteine" am "Milmische Berg" in der Beschreibung der Grenze des "Roerfortter bezircks" aus dem Jahre 1615. Ob diese beiden Malsteine noch vorhanden sind, konnte nicht geklärt werden, denn auf den Ackerrainen der betreffenden Stelle stehen dichte Schwarzdornhecken, die für Grabungen erst entfernt werden müßten.
Ein Malstein mit der Jahreszahl 1752 und der Kennzeichnung N Z RF 1752 (Nr. 2, Röhrenfurth 1752) steht an der Waldspitze des Kriegenberges zur Schwarzenberger Flur hin, der Stein mit der Nr. 1 steht etwa 50 Meter höher an der Waldgrenze, ein weiterer ohne Nr. und Jahreszahl mit dem Buchstaben "F" auf der einen und einem "W" auf der anderen Seite am Eingang des "Wangergrabens". Die beiden Buchstaben sind die Initialen des Kurfürsten Friedrich-Wilhelm, nach dem auch die Bahnlinie benannt worden war. Drei weitere Malsteine stehen am Kessellochsweg, sie tragen die Jahreszahl 1771, auf der Wegseite die Buchstaben "FL" (Friedrich, Landgraf), auf der Waldseite "RF" (Röhrenfurth) und sind fortlaufend numeriert.
Weitere Gemarkungssteine, die ebenfalls fortlaufend numeriert sind, markieren die Grenze vom Ostwald entlang des Grundweges, im Hütten- und Spittelsgrund, und entlang des Hainbuchsweges. An der Einmündung des Ostwaldweges in den Ostwald steht der Stein Nr. 2 (die Nr. 1 ist nicht mehr auffindbar), der letzte mit der Nr. 49 am Rain, dort wo der Hainbuchsweg in den Obersten Weg mündet. Alle Steine haben auf der Waldseite ein "H" für Hessen und auf der anderen ein "R" für Röhrenfurth.
Weitere Gemarkungsgrenzsteine stammen aus der Zeit der Verkuppelung, wo auch Flurgrenzen geringfügig verändert wurden. Siehe auch die Grenzangaben auf der Karte von 1615.
In einer Urkunde, ebenfalls aus dem Jahre 1615 wird der Verlauf der Röhrenfurther Gemarkungsgrenze wie folgt beschrieben:
"Roerfortter bezirck. Derselbige hebt sich ahn in der Fulda an der Gautzelswissen in dem Bornflus, gehet demselbigen nach auff den brun und von demselbigen auff einen großen eichbaum am wege obig derselbigen wißen furtters auff den weg, wilcher oben vom Kriechenberge erab kompt, und also denselbigen hinnauff zu einem großen maalbaum und an dem Wandergrunde hero auff den Kriechenberg und dadannen herüber an das Heimbuch, auch an demselbigen in dem wege an den hohen beumen hinnaus an die Spittelswiße und dan zur lincken erumb under der Huttenwißen, nach dem Kolberge und unden an demselbigen wie auch dem Erdtbeerberge, auch an den hohen beumen hero und durch die eck deßelbigen den weg hinnauff uff die Ermenleite, und umbt die Ostwaldt lender und vor der höhe immer an den hohen beumen hero umb die eck obig dem hofefelde noch immer an den hohen beumen der högen hinnaus zu einer hohen buchen, im gründe stehent, auch von derselbigen zur lincken herumb auff den Einffersheuser weg, und denselbigen ein etwas auffwarts und dan herumb zur rechten nach dem kuhestall, unnd vor demselbigen hinnab auff einen großen eichbaum forne im Milmischen Berge, und dadannen auff zwey maalsteine, und dan umb das eck des Milmischen Berges herumb auff einen weg in Milmischen Wißen, und denselbigen darnach hinnaus in die bach, die Milmisch genanndt, auch immer an derselben hero bis an die Fulda, furtter über dieselbe und dan am ufer hero bis in den Lubenheuser wegk, und under dem Keßell denselben hinnaus in den Keßellgraben, auch an demselbigen den berg auff oben in den weg, da die Keßelwiesen wenden, auch der alte grabe vom Steinwell herunder auff den Newen Landtgraben stoßet und der Milsunger und Rornfurter marg scheidet. So dan bemelten alten graben die Steinweltrischer hinnauff und uff der grentze der Stadt Milsungen durch den Steinwell, wilcher unserm g(nedigen) f(ürsten) und herrn, und obs wol im Röhrnfurtter bezirck gelegen, dannoch den Reidteßeln nicht zustendig, gezeichneten beumen nach auffs Geisenstuck und Geisengraben, obig den Wengesbergen hero zur lincken bis an den Milsunger pfadt, denselbigen auch hinnaus zu einem großen stein, ligt zwischen gemeltem pfadte und der Straßen, darnach ein etwas in der Straßen hinnaus bis an den Grünen weg und an demselbigen immer hinnunder in ein ander Straße, so zwischen den lachen und Schwartzenberger Heiligen Sande hergehett, auch demselbigen immer nach bis auff die Schwartzenberger gemein, darauff die von Milsungen die koppelhude haben, zu einem weidenbaum oben an den lachen, und von demselben als über die Fulda uff erstbesagten Bornflus in die Gautzelswießen."
Die damals festgeschriebene Grenze stimmt mit der heutigen -bis auf geringe Abweichungen- noch überein.
Grenzvergehen zogen harte Strafen nach sich. Es gehörte mit zu den schwersten Verbrechen, Grenz- oder Marktfrevel zu begehen.
Die Rechtsprechung hatte für betrügerische Grenzsteinverrücker peinliche Strafen am Leib des Übeltäters vorgesehen, so heißt es in der "Hals und Peinliche Gerichtsordnung" Kaiser Karls V. (1533), Artikel CXIIII: „Straff der jhenen feischlich und betrieglich undermarkung, reynung, mal, oder marcksteyn verrücken. Item welcher bößlicher und geverlicher weiß, eyn undermarckung, reynung, mal oder marcksteyn verruckt, abhawet, abthut, oder verendert, der soll darum peinlich am Leib nach geverlicheyt groß gestalt und gelegenheyt der sachen und der person, nach radt gestrafft werden".
(Strafe für denjenigen, der in verfälschender oder betrügerischer Absicht Markierungen, Mal- oder Marksteine verrückt. Also: Wer in böser und betrügerischer Absicht eine Grenzmarkierung, einen Grenzrain, einen Mal- oder Markstein verrückt, abhaut, entfernt oder verändert, soll dafür, je nach Größe des Schadens, den er Sachen oder Personen zugefügt hat, peinlich am Leib, durch das Rad gestraft werden.)
Welch ein Glück für die Landwirte, daß heute kaum noch jemand Notiz davon nimmt, wenn die Grenzsteine zwischen den Äckern und Wegen von den schweren Pflügen um- und ausgeackert werden oder in einem Graben „verschwinden".

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