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Willkommen in Röhrenfurth

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Der 7jährige Krieg

© Dorfgemeinschaft
Röhrenfurth

Letzte Änderung:
28.08.2011

800 Jahre Röhrenfurth (1982)
Geschichte und Geschichten eines Dorfes
Aktualisierte Ausgabe

Vom Siebenjährigen Krieg bis zur Gründung des Kaiserreiches 1756 - 1871
Der 7jährige Krieg und seine Folgen.
Hessische Soldaten in Amerika.
Das "Königreich Westfalen", die Franzosenjahre, die Befreiungskriege,
Namen der Röhrenfurther Kriegsteilnehmer.
Der Beginn der Rodungsperiode.

Etwas mehr als 100 Jahre waren nach dem Elend des Dreißigjährigen Krieges vergangen. Unser Dörfchen hatte sich allmählich erholt, die Einwohnerzahl war von etwa 130 auf 280 gestiegen und die Zahl der Häuser von 23 auf 52. Brachland war wieder unter den Pflug genommen und neues Land gerodet und urbar gemacht worden. Aber auch neue "Laster" kamen in Mode, das Tabakrauchen und das Kaffeetrinken. Sogar auf dem Lande frönten einige dieser "Untugend", trotz der bereits erfundenen Tabak- und Kaffeesteuer und trotz der angedrohten Strafen für das Rauchen auf der Straße, das als öffentliches Ärgernis angesehen und mit kräftigen Geldbußen belegt wurde. Selbst "Kaffeeschnüffler" suchten ihre Opfer auf frischer Tat zu ertappen. Sicher ein erheiternder Anblick, wenn sie mit erhobener Nase um die Häuser schlichen. Auch eine neue Feldfrucht wurde hie und da angebaut: die Kartoffel, die man mit großem Mißtrauen aufnahm und als ungenießbar und nicht mal als Schweinefutter geeignet anfangs ansah (vor 1778).

Eine lange, verhältnismäßig friedliche Zeit, die trotzdem viel Not gesehen hatte — wegen ihres Glaubens Verfolgte aus Frankreich, dem Salzburgischen, aus Kärnten und Tirol zogen durch's Land und suchten Hilfe und ein neues Zuhause — wurde durch einen neuen Krieg, der sieben Jahre dauern sollte, jäh unterbrochen. Die Schrecken des 30jährigen Krieges waren noch nicht vergessen, und Angst überfiel erneut die Menschen.
Der Landgraf von Hessen stand auf der Seite der Preußen und Engländer, die sich der vordringenden Franzosen erwehren mußten. Unsere Heimat wurde erneut von den durchziehenden Truppen und der Einquartierung heimgesucht; denn alle verlangten Ernährung für sich und ihren Troß. Freischärler raubten und plünderten. Die Forderungen wurden immer höher und kaum noch erfüllbar, und im Jahre 1760 mußten die Hirten ihr Vieh in den Wäldern verstecken wie zur Zeit des 30jährigen Krieges. L. Armbrust schreibt in seiner "Geschichte der Stadt Melsungen" darüber: "Wenn ein Ernteverzeichnis aufgestellt wurde, wie im Herbst 1757, dachte man nicht daran, die Inhaber von Burgsitzen und freien Häusern auszunehmen. Forderte man aber Feldfrüchte für Kriegszwecke, dann beriefen sich die Adeligen oder deren Vertreter auf ihre Freiheiten und verweigerten jeden Beitrag. So machten es (1761) der Kammerherr von Wurmb und der Riedeselsche Amtsvogt Hoffmann... Eine rechtliche Verpflichtung des Adels zu den Leistungen lag nicht vor." Ob die den Riedesel dienstbaren Röhrenfurther davon einen Nutzen hatten, ist nicht bekannt. Aber wie dem auch sei, Freischärler und Soldaten werden sich bei ihrem Durchzug — auch durch Röhrenfurth — kaum darum geschert haben. Sie forderten, wenn nötig auch mit Gewalt. Auch zu Gefechten kam es in unmittelbarer Nähe zwischen Röhrenfurth und Melsungen, einmal, am 7. Oktober 1758, unterhalb vom Giesengraben zwischen französischen Soldaten, die in Melsungen Bretter und Balken requirieren wollten, und hannoverschen Reitern, die gerade in Melsungen einmarschiert waren. Die Hannoveraner nahmen die Franzosen gefangen, erhielten auf Befehl des Melsunger Bürgermeisters einen Labetrank und zogen mit ihren Gefangenen weiter. Dann kam es zum Kampf am 4. bis 6. August 1762 bei der Belagerung von Melsungen, das von den Franzosen besetzt war. Am Steinwald wurden Geschütze aufgestellt, die die Stadt beschossen. Hessische Jäger lagen bei Melgershausen in Stellung, bereit zum Sturm auf Melsungen. Nur ein zweitägiger starker Regen verhinderte die Ausführung dieses Planes.
Wiesen und Saaten waren abgeweidet, und der Hunger war wieder ein alltäglicher Gast. Selbst wer Geld besaß, konnte dafür kaum etwas kaufen; denn Handwerk und Handel waren durch den Krieg schwer geschädigt worden. Es dauerte erneut Jahrzehnte, bis die Schäden des 1763 zu Ende gegangenen Kampfes einigermaßen geheilt waren.
Im Jahre 1760 hatten in Röhrenfurth Just Reuter und Christian Bettenhausen eine Konzession zum Brennen von Schnaps. Just Reuter zahlte dafür 2 Rthl. 16 Alb. und Chr. Bettenhausen 2 Rthl. 5 Alb. 4 Hl. Johannes Nödel und der Brückenmeister Noll besaßen eine Konzession zum Ausschank von Branntwein und Bier und zahlten dafür jeder 26 Alb. jährlich.

Ein Kapitel jener Zeit darf nicht unerwähnt bleiben; denn es zählte zu den umstrittensten der hessischen Geschichte: der sogenannte Soldatenverkauf bzw. das Abstellen hessischer Soldaten durch die Fürsten, die Subsidien-Verträge, die überwiegend mit England abgeschlossen wurden. Mit Vertrag vom 31. Jan. 1776 übernahm England über 17000 hessische Soldaten und setzte sie in den Unabhängigkeitskriegen seiner amerikanischen Kolonien ein. Allein aus Hessen-Kassel wurden von 1777 bis 1782 insgesamt 16992 Soldaten nach Amerika verschifft. Hiervon kamen im Herbst 1783 und Frühjahr 1784 10492 Mann zurück. 6500 Menschen waren in Amerika im Kampf gefallen, gestorben oder dort geblieben. Aus Röhrenfurth ist nur der Name eines Mannes bekannt, der als "Gemeiner" im Grenadier-Regiment von Bischhausen kämpfte und am 30. Oktober 1783 mit "Urlaubspass" entlassen wurde: "Henrich Nadler aus Röhrenfurth, 27 Jahre alt". Mit ihm zusammen kamen — um nur einige Namen aus unseren Nachbarorten zu nennen — zurück: Gemeiner Conrad Ziegler aus Schwarzenberg, 29 Jahre alt, Gemeiner Christian Siegner aus Kirchhof, 29 Jahre alt, Gemeiner Adam Lohr aus Obermelsungen, 29 Jahre alt, und aus Melsungen die Gemeinen George Bechmann und Nikolaus Wicke. Im November 1776 fielen beim Sturm auf das Fort Washington unter anderem der Stabskapitän Friedrich Walter aus Melsungen und der Gemeine Conrad Casper aus Körle, bei Whiteplaine der Gemeine Henrich Range aus Melsungen. In amerikanische Gefangenschaft waren am 26. Dez. 1776 bei Trenton geraten: Gemeiner George Eckhard aus Kirchhof, 38 Jahre alt, Gemeiner Andreas Schmoll aus Kehrenbach, 28 Jahre alt. Ob sie in Amerika blieben oder in ihre Heimatorte später zurückkehrten, ist nicht bekannt. Für die fast 17000 Soldaten zahlte England 2.152.037 Pfund Sterling als Sold und 1.254.197 Pfd. Sterling an den Landgrafen selbst. Ein fürwahr horrender Preis! Allerdings muß auch gesagt werden, daß es sich fast ausschließlich um angeworbene, also freiwillige Soldaten handelte. Im Truppenverzeichnis sind fast alle Orte Hessens genannt. Auch aus allen übrigen deutschen Landen stammten die Angeworbenen, sogar aus Königsberg (Preußen), aus dem Elsaß und aus Prag. Man könnte fast sagen: eine hessische "Fremdenlegion" unter hessischen Offizieren. Diese "Legion" war für manchen eine Zuflucht in der Not; denn sehr viele waren in den Kriegswirren der Vergangenheit heimatlos und wurzellos geworden. Auch mancher Bauernsohn, für den auf dem väterlichen Hof kein Platz mehr war, ließ sich anwerben. Soldat sein war ein Beruf.
Auf ihrem Weg weserabwärts über England nach Amerika wurden viele Soldaten von ihren Ehefrauen und Bräuten begleitet. Unterwegs, in den Garnisonen und der drangvollen Enge der Segelschiffe, auf einer Reise ins Ungewisse, die mindestens 2 1/2 Monate dauerte, wurden Ehen geschlossen, Kinder geboren und getauft, und manch einer erreichte die Küsten des fernen Landes nicht. Er starb und fand sein Grab in den Wogen des Meeres.
Auch während des Krieges in Amerika heirateten Soldaten Töchter des Landes oder die Witwen gefallener Kameraden und blieben "in Amerika". Dies traf besonders auf viele Gefangene zu.
Es herrschte damals eine andere Mentalität. Der Boden war karg, die Arbeit hart und die Kost oft mehr als schmal. Trotz allen Fleißes waren Reichtümer nicht zu erwerben; man trennte sich leichter von seiner Umgebung.

Bedingt durch die Hungerjahre 1770/72 freundet man sich mehr und mehr mit dem Anbau der Kartoffel an. Auch eine neue Futterpflanze, der Klee, bringt eine Verbesserung in der Viehhaltung (siehe auch das Kapitel: Landwirtschaft). Im Jahre 1772 erhält unser Dorf eine neue, größere Kirche, der Friedhof wird vor das Dorf verlegt; denn der Kirchhof ist zu klein geworden und reicht für die Bestattungen nicht mehr aus.
Jost Heinrich Schmoll besitzt 1793 den 4. Teil des Riedeselschen Fischerlehens mit Ackerland und Wiesen an der Fulda. Als Pacht zahlt er dafür 6 Metzen (etwa 1 Zentner) Frucht sowie 1 Rthl. 8 Alb., außerdem 1 Rthl. 29 Alb. und 9 Hl. Lehengeld. Um die gleiche Zeit fischt Hans Curt Range für jährlich 2 Rthl. 10 Alb., und Johannes Nadler ist Pächter des halben Fischerlehens mit fast 10 Acker Land und Wiese.

Das Jahrhundert war noch nicht zu Ende, da drohten aus dem Westen erneut dunkle Wolken. In Frankreich hatte sich das Volk gegen den absolutistischen König erhoben und ihn 1792 auf die Guillotine geschickt. Napoleon Bonaparte begann, ganz Europa mit Krieg zu überziehen. Preußen wurde 1806 besiegt, und Hessen, das auf der Seite Preußens und Österreichs gestanden hatte, erhielt französische Besatzung. Am 30. Okt. 1806 zogen 7000 französische Soldaten in Melsungen ein. Französische Verwaltung und Gerichtsbarkeit (der Code Napoleon) wurden eingeführt, und Hessen wird ein Teil des Königsreichs Westfalen, Kassel seine Hauptstadt, und der Bruder Napoleons, Jérôme, den man auch den "König Lustik" nennt, hält Hof auf Schloß Wilhelmshöhe. Das Land wird aufgeteilt in Departements, Distrikte, Arrondissements und Kantone. Unser Gebiet kommt zum Fulda-Departement, Röhrenfurth zum Kanton Körle, und aus dem bisherigen Greben wird der Maire.
1810 wird sogar die französische Währung eingeführt. Die Sonderrechte des Adels und der Geistlichkeit werden abgeschafft, beide müssen ebenso Steuern zahlen wie alle anderen.

Landgraf Wilhelm IX. war 1803 zum Kurfürsten ernannt worden und regierte als Königliche Hoheit Wilhelm I. Aber bereits 1806 "begibt" er sich nach Dänemark, später nach Böhmen, von wo er Ende 1813 nach Kassel zurückkehrt. Die 7 "Franzosenjahre" veränderten vieles. Sie hatten zwar kleine Freiheiten gebracht, in erster Linie jedoch Opfer über Opfer von der Bevölkerung gefordert. Immer neue Steuern mußten gezahlt werden, und die Einquartierung der Soldaten mit ihrer Forderung nach Fourage (Verpflegung) lasteten drückend auf der Bevölkerung. Weit schlimmer aber waren die Verluste an Menschen, die die Kriege Napoleons in Spanien und besonders in Rußland forderten.
Ob und wieviel Röhrenfurther mit Napoleon nach Rußland ziehen mußten, ist nicht überliefert. Auf einer am 27. März 1814 von der Kirche und der Gemeinde gestifteten Ehrentafel werden nur die Namen der in den Krieg nach Frankreich 1813 ausgezogenen "frühreifen Krieger und Kämpfer" genannt. Man könnte versucht sein zu glauben, daß aus Röhrenfurth niemand an Napoleons Rußlandfeldzug teilgenommen hatte. Eher ist es jedoch möglich, daß, wie es auch der Kurfürst Wilhelm I. praktizierte, diese "Franzosenjahre" aus der Erinnerung getilgt werden sollten; infolge dessen durfte auch dieser Kriegsopfer nicht gedacht werden, schon gar nicht auf einer Ehrentafel und in einem Atemzug mit denen, die die Heimat von der Fremdherrschaft eben dieses Napoleon befreit hatten.

Auf dieser Ehrentafel waren folgende Namen verzeichnet:

1. Johannes Nadler, geb. 7.3.1795. Vater: Konrad Nadler, war von 1820 bis 1841 Grebe (Bürgermeister)
2. Konrad Nödel, geb. am 30.11.1793, Vater: Gastwirt Johs. Nödel, starb am 17.6.1845 an den "schwarzen Blattern".
3. Justus Heinrich Schmoll, geb. 30.1.1796, Vater: Justus Hrch. Schmoll, Bauer. Wanderte nach Amerika aus, kam aber wieder zurück.
4. Christian Bettenhausen, geb. 26.9.1796, Vater: Leinweber Karl Bettenhausen.
5. Johannes Hilgenberg, geb. 24.9.1781, Vater: Bauer Joh. Just. Hilgenberg. Starb am 10.9.1840 in der Kasseler Charitee an einer Unterleibskrankheit (Blinddarmentzündung)
6. Ludwig Steube, geb. 2.2.1795, Vater: Gastwirt Johs. Steube (früheres Borngrebenhaus)
7. George Steube, geb. 5.2.1797 (Bruder des Ludwig St.)
8. Konrad Sinning, geb. 21.10.1770, Vater: Pflasterer und Müller Hans Kurt Sinning
9. Heinrich Wagner, geb. 29.6.1786, Vater: Bauer Konrad Wagner
10. Justus Wagner, geb. 29.4.1791 (Bruder von Hch. Wagner)
11. Nikolaus Steube, geb. 23.3.1793, Vater: Ackermann Heinrich Steube
12. Johannes Wenzel, geb. 21.4.1786, Vater Leinweber Krd. Wenzel
13. Konrad Biermann, geb. 26.2.1792, war Straßenwärter, Vater: Ludwig Biermann, stammte aus Wolfershausen, wohnte im Hause Lorenz Steube. (Lehrer Eduard Lange, der die vorstehenden Namen von der erwähnten Ehrentafel abschrieb, vermerkt noch folgendes:
"Im Jahre 1841 großes Unwetter, das Hochwasser ging zwischen der alten Schule durch. Es brachte große Holzstämme mit, die gegen Steubens Haus schlugen und es zum Zerstören brachten. In der höchsten Not kam B. mit dem Kahn und brachte die bedrängten Bewohner in Sicherheit. An einem Scheunenseil ließen sich die Bewohner aus dem Fenster des Hauses. Für seine mutige Tat bekam er die Rettungsmedaille, die noch heute von den Enkeln aufbewahrt wird, gestorben 18. Okt. 1870).
14. Werner Horn, geb. am 5.10.1787 in Kirchhof, Vater: Leinweber Hans Kurt Horn, wohnte in der "Werrgasse" im Hause Hch. Schneider
15. Heinrich Bender, geb. 17.12.1785, Vater: Brückenwärter Joh. Hch. Bender.
16. Konrad Bender, geb. 29.5.1790 (Bruder des Hch. Bender), hatte noch eine Zwillingsschwester Martha Eilasbeth, Krd. und Hch. Bender sollen nach Amerika ausgewandert sein.

Die Widmung auf der Tafel lautete:* Schenkung der Kirche einer Ehrengedächtnistafel, die das bescheinigt der ausgezogenen Krieger aus der hiesigen Gemeinde in den Krieg nach Frankreich 1813. Vorstehende frühreifen Krieger und Kämpfer zur Ehre und Gedächtnis bringen Eltern und Gemeinde aus der hiesigen Gemeinde Röhrenfurth diese Gedächtnistafel an zum Andenken, die mit der Armee nach Frankreich auszogen. Gott erbarmte sich der Betenden und führte alle gesund zurück.

Gemeinde Röhrenfurth 27. März 1814
Karl Hupfeld
Die liebende Gemeinde Röhrenfurth
Justus Schmoll, der derzeitige Grebe

*Der Text der Tafel war bereits sehr verwittert, als ihn der Lehrer Eduard Lange zu entziffern versuchte, daher die etwas seltsam klingenden Sätze.
Die Tafel wurde vom Verfasser auf dem Kirchenboden wieder entdeckt, einige Namen sind noch lesbar. Ob sie restauriert werden kann, ist fraglich.

Weitere Namen von Röhrenfurther Soldaten aus jener Zeit:
1807 wurde der Gardist Justus Reuter als Soldat einberufen.
1819 meldete der Artillerist und Schmiedemeister Konrad Pfeiffer ein Kind zur Taufe an.
1820 wird der Kurhessische Leibgardist Konrad Biermann erwähnt. Er starb im Jahre 1832.
Ebenfalls im Jahre 1820 meldete der verabschiedete Soldat Ludwig Steube ein Kind zur Taufe an. (Siehe Nr. 6 der Tafel)

In Melsungen trauerten die Angehörigen um 30 junge Männer, die in Rußland gefallen oder umgekommen waren.
Das Jahr 1813 brachte — vor dem endgültigen Ende der Franzosenzeit — nochmals Wirren und Ängste in unsere Heimat. Ein Stück der Nürnberger Landstraße war zur Heerstraße geworden für die "russischen Befreier", die am 28. Sept. 1813 gegen 4 Uhr nachmittags mit ihren Vorhuten in Melsungen einrückten. Bereits am Morgen des folgenden Tages lagerten in und um Melsungen 3000 bis 4000 Kosaken. Lebensmittel und Schnaps waren bald aufgezehrt und die Scheuern von Heu geleert, Verwundete lagen in den Häusern. Ins Gasthaus Rieder (jetzt Rosenapotheke) wird der russische Oberst Bedraiga gebracht — sterbend oder bereits tot. Jürgen Schmidt schildert diese Tage in seiner Chronik "Melsungen, die Geschichte einer Stadt" so: "Er hatte mit seinen Isumschen Husaren beim Sturm auf Kassel in einer wichtigen Schlüsselposition gekämpft, dabei sechs Geschütze erbeutet und 500 Gefangene gemacht. Allerdings hatten ihm die Verteidiger dabei zwei Kugeln in den Kopf geschossen. Er wird auf dem Melsunger Friedhof beerdigt. Das bisher unbekannte Ritual der griechisch-orthodoxen Kirche und der militärische Pomp machen die Beisetzung für viele Melsunger zum interessanten Schauspiel... Mit den toten Soldaten macht man weniger Umstand, sie werden in den Gärten vor der Stadt begraben." Und weiter:"Wieder müssen die Melsunger Lebensmittel und Pferdefutter ins jeweilige Biwak hinausschaffen. Auch die benachbarten Dörfer haben ihren Beitrag zu leisten. Schon auf der Landstraße plündern Kosaken die heranrollenden Gespanne. Die Offiziere... speisen bevorzugt Geflügel und beanspruchen dazu ein besonderes Tafelgeld, von dem Wein bezahlt wird ..."
Am Morgen des 30. Sept. brechen die Russen zum Sturm auf die Hauptstadt des Königreichs Westfalen, Kassel, auf. Am Abend bereits ist sie in ihrer Hand. 300 Mann der in Gefangenschaft geratenen Hessen hatten sich ihnen angeschlossen. Nach der Völkerschlacht bei Leipzig, am 16. bis 19. Oktober 1813, durchziehen Kosaken und Baschkiren erneut unsere Heimat, am 30. Oktober kampieren etwa 1200 Russen in und um Melsungen. Aber erst 1815, als Napoleon bei Waterloo endgültig geschlagen wird, ist diese Aera zu Ende.
Der Kurfürst war Ende Oktober 1813 zurückgekehrt. Alle während der Besatzungszeit erlassenen Gesetze werden annulliert. Der Adel, die Geistlichkeit erhalten ihre Privilegien zurück, Kranke, Verwundete und Krüppel der Kriege bleiben sich selbst und der Mildtätigkeit der Mitmenschen überlassen, Dörfer und Städte erhalten keine Entschädigung für ihre materiellen Verluste. Der absolutistisch regierende Kurfürst unterdrückt alle sich zeigenden Freiheitsregungen, denn "die Franzosen haben nicht nur das Weißbrot, die Leberwurst und einige ledige Mütter, sondern auch viel politische Spannung hinterlassen" (wie Jürgen Schmidt — s.o. — es bezeichnet).

Zu Beginn der Franzosenzeit (1807) hatte unser Dorf 26 Geschirrhalter und 25 Kötner, also etwa 51 Häuser mit rund 370 Einwohnern. Herrschaftlicher Grebe war Konrad Sinning, die Wirte Steube und Becker mußten je 1/2 Albus Sonntagsbuße an die Kurfürstliche Renterei und die Riedesel zahlen, weil sie das Verbot, während des Gottesdienstes nichts auszuschänken, mißachtet hatten. Der Pächter der Riedeselschen Schäferei hatte 1 Schlachtschaf, ein Lamm und 16 Albus an die Renterei zu liefern, vermutlich als Gebühr für das Huterecht im kurfürstlichen Riedforst.
Mit dem Ende des Jahre 1820 hört das Amt Melsungen auf zu bestehen. Mit den Ämtern Felsberg und Spangenberg wird es 1821 zum Landkreis Melsungen zusammengelegt.
In diesem Jahr hatte Röhrenfurth 57 Wohnhäuser, in denen 397 Menschen, darunter 37 Juden, lebten. Die Häuser waren mit 26130 Rthl. in der im Jahre 1767 gegründeten Brandkasse versichert. In der Gemarkung lagen 780 Acker Land, 318 Acker Gärten und Wiesen, 209 Acker Hüten und Triescher, 107 Acker Wald (davon gehörten 65 Acker, "Die Milmsche", denen v. Riedesel). An Vieh wurden 30 Pferde, 16 Ochsen, 67 Kühe und 240 Schafe gehalten. Der Boden wird als mittelmäßig bezeichnet. Nach den Befreiungskriegen hatte man mit der Rodung von Unland, hauptsächlich unterhalb der Steinwelle und zwischen Steinwelle und Kesselgraben (die Steinwell-Triescher), in der Heege und auch auf der Breitenbachs-Triescher begonnen. Die Steuer für das Rodeland (Rottland) betrug 10 Rthl. 23 Alb. und 5 Hl., die an die Renterei Melsungen zu zahlen waren. Das Rodeland erhielten die Besitzer in Erbleihe.

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