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Elektrisches Licht

© Dorfgemeinschaft
Röhrenfurth

Letzte Änderung:
28.08.2011

800 Jahre Röhrenfurth (1982)
Geschichte und Geschichten eines Dorfes
Aktualisierte Ausgabe

Röhrenfurth erhält "elektrisches Licht"

Kurz nach Beendigung des Krieges -zehn Jahre floß bereits das „Leitungswasser" aus den Wasserhähnen- kam ein kleines Röhrenfurther Mädchen aufgeregt zu seinen Spielkameraden gerannt und rief außer Atem: "Bie och brännt's, bie och brännt's, komm schnall heem". Als beide dann zu Hause waren, klärte sich der "Schreckensruf" als harmlos, aber doch gewichtig auf: Das Haus, in dem der Junge wohnte, war ans "elektrische Licht" angeschlossen worden, und die Monteure hatten zum ersten Male an dem geheimnisvollen Porzellanschalter gedreht und damit die Lampe zum „Brennen" gebracht (so erzählt von dem, der damals einen nicht geringen Schrecken bekam).
Die Gemeindevertreter hatten 1919 beschlossen, ihr Dorf an den Segnungen, die die Elektrizität brachte, teilhaben zu lassen. Röhrenfurth ließ bis 1922 ein gemeindeeigenes Ortsnetz installieren, den Strom lieferte das "Überlandwerk". Überall an den Straßen und Wegen des Dorfes wuchsen "Lichtmasten" aus der Erde; zwischen ihren "Porzellanköpfen", den Isolatoren, wurden mit Isoliergespinnst überzogene Aluminiumdrähte gespannt, die dann durch zwei Porzellanröhrchen gezogen, in einem Sicherungskasten im Hause endeten. In den Zimmern verschwanden die Leitungsdrähte in den, auf den Wänden verlegten, innen isolierten Metallrohren. Bescheiden waren die Installationen in den Räumen. Außer einer Lampe -in der Küche mit einem emallierten Blechschirm- war selten mal eine Steckdose vorhanden.
Wie stets bei technischen Neuerungen regte sich auch beim "elektrischen Licht" Widerstand, vor allem bei den "Alten". Wozu brauchte man diesen "nochen Kommoff", wo doch die gute alte Petroleumlampe ein so weiches, heimeliches Licht verbreitete, das die Augen nicht blendete. Mancher erinnerte sich noch an die Zeit, als der Hirte und der Nachtwächter Geld für "Lichtefett" aus der Gemeindekasse erhalten hatten. Die jungen Leute waren nur "ze füll", jeden Abend die Lampe "anzustecken".
Trotzdem, der Fortschritt war nicht mehr aufzuhalten. Die Elektrizität trieb Motoren an, mit deren Hilfe die Handwerker ihre Arbeit wesentlich erleichtern konnten. Der Schreiner schaffte sich eine Bandsäge, eine Kreissäge, eine Fräse und sogar eine Hobelmaschine an, der Stellmacher eine elektrisch angetriebene Drehbank. Das Zimmergeschäft siedelte vom "Zämmerplatze" am "Schiere-wäje", wo die Balken noch mit dem Schlichtbeil bearbeitet worden waren, ins Dorf über und schnitt nun sein Bauholz mit einer Kreissäge, die am Beginn des "Obersten Weges — ewwerschter Wäg" stand.
Die Bauern benutzten zwar noch lange das "Göpelwerk" zum "Futterschneiden" und Schroten; aber auch hier ersetzte bald der Elektromotor die Zugkraft der Pferde und Ochsen. Für den Antrieb der Dreschmaschine mußte nicht mehr die schwere Dampflokomobile aus Melsungen geholt werden, ein leichterer Motorwagen mit einem eigenen Elektrozähler reichte nun aus. An verschiedenen Lichtmasten oder an den Bauernhäusern wurden Zapfstellen zur Stromentnahme angebracht, die auch die ersten Holzschneidemaschinen zum Schneiden des "Jahrholzes" mit Strom speisten. Sogar einige "Dorflampen" erhellten in den Wintermonaten abends und morgens die dunklen Dorf Straßen.

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Das Ortsnetz genügte den bescheidenen Ansprüchen bis etwa zum Jahre 1950. Dann gab es ständig Stromausfälle, die "im übrigen nur darauf zurückzuführen (waren), daß zu viele Herde in den letzten Monaten angeschafft worden seien". Eine dringende Instandsetzung wäre notwendig gewesen, die nach einer Berechnung der EAM Kassel mindestens 120.000,- DM erfordert hätte. Diese Summe überstieg die finanziellen Möglichkeiten der Gemeinde erheblich, so daß man sich am 5. 9.1955 entschloß, das Ortsnetz gegen eine Entschädigung von DM 20.000,- an die EAM zu verkaufen; außerdem sollte die EAM für die Monate August bis Dezember 1955 den Strom unentgeltlich liefern. Inzwischen gibt es, zumindest in den Neubaugebieten keine „Lichtmasten" mehr; dort kommt der Strom durch unterirdisch verlegte Kabel ins Haus. Das alte Transformatorenhäuschen, das am Bachrande beim jetzigen Hause Hofmann stand, hat einem modernen, leistungsstärkeren in der Bergstraße weichen müssen. In den Haushalten hielt die Technik in Form von Kühlschränken, Gefriertruhen, Elektroherden, Waschmaschinen, Kaffeemaschinen, Brotschneidemaschinen und vielem mehr Einzug, ohne Elektrizität würden wir frieren, in vielen Haushalten kein Braten mehr gar, kein Radio und kein Fernsehen würde uns unterhalten, aber auch die Verstärker der Discotheken müßten verstummen. Die Eisenbahn müßte wieder mit Dampfloks fahren und so weiter, und so fort. Das sind bestimmt keine Gedanken für eine Dorfchronik.

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