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Willkommen in Röhrenfurth

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Der dreigjährige Krieg

© Dorfgemeinschaft
Röhrenfurth

Letzte Änderung:
28.08.2011

800 Jahre Röhrenfurth (1982)
Geschichte und Geschichten eines Dorfes
Aktualisierte Ausgabe

Der 30jährige Krieg
Erste Plünderungen in 1623, das Kroatenjahr 1637, Zerstörungen in Röhrenfurth

So hatte auch unser Dörfchen Röhrenfurth, klein, unbedeutend und weit ab von den großen Geschehnissen jener Tage, doch einen turbulenten Zeitabschnitt erlebt. Die Reformation hatte mit ihren Änderungen einen tiefen Einschnitt in das gesamte Leben gebracht, auch das der ländlichen Bevölkerung. Aber auch die folgenden Jahrzehnte konnten nicht verhindern, daß die wehrfähigen Männer unseres Dorfes als Kriegsvolk des Landesherrn in immer neuen Fehden Haus, Hof und Familie verlassen mußten. Wasserkatastrophen und vor allem die Pest waren über unser Dorf gekommen, und Mißernten hatten Hunger und Elend über unser Dorf gebracht. Das neue Jahrhundert versprach mit der Eröffnung der Fuldaschiffahrt von Kassel nach Hersfeld im Jahre 1601 durch Landgraf Moritz zunächst auch für Röhrenfurth einen bescheidenen wirtschaftlichen Aufschwung. Der Warentransport wurde erleichtert, die Holzflößerei erhielt Auftrieb, die Bauern mit Pferdegespannen konnten zusätzlich mit dem "Treideln" (Ziehen) der Frachtschiffe Geld verdienen. Das Flußbett und die Ufer mußten in Ordnung gehalten und die Treidelpfade ausgebessert werden. All das bedeutete Arbeit und damit Verdienst, den man vorher nicht gehabt hatte. Voll Zuversicht ob dieser wirtschaftlichen Besserung blickte man in die Zukunft.

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(Mit freundlicher Genehmigung der Sparkasse des Schwalm-Eder-Kreises Melsungen)

Doch dann kam das Jahr 1618 und zerstörte alle Hoffnungen. Leid und Not in bisher unbekanntem Maße brach auch über Röhrenfurth herein. Alle kriegstüchtigen Männer wurden erfaßt und etwa ein Fünftel davon zu den landgräflichen Truppen eingezogen. Der Landgraf war zunächst neutral geblieben, schlug sich dann aber auf die Seite der "Reformierten" und hatte bald danach im Jahre 1623 die "Kaiserlichen" unter Tilly im Lande. Und bereits ein Jahr später raubten und plünderten die Soldaten in Melsungen und seiner Umgebung, wobei auch Röhrenfurth nicht verschont blieb.
Kriegssteuern wurden zusätzlich erhoben und Naturalien - Nahrung und Trinken für die Soldaten, Heu und Hafer für die Pferde — in kaum aufzubringenden Mengen von den Bauern verlangt. Das Amt Melsungen mußte 1623 unter anderem 226 Viertel Hafer (rd. 540 Hektoliter) "uffs Kriegsvolck" geben, das war die Ernte von mindestens 350 Acker Land. Auch wurde "viel Frucht durch's Lippensche Kriegsvolck (eine damalige Bezeichnung für Soldateska) und Heiden verderbet". Die Landsknechte trieben ihre Pferde auf die bestellten Äcker, wo sie das junge Getreide abfraßen, sie weideten auf den Wiesen, und die Nahrung für die Menschen und das Futter für das Vieh wurden immer weniger. Im Jahre 1634 herrschte grausame Hungersnot; die Fulda führte Hochwasser und verdarb die Wiesen und Felder an ihren Ufern. Das schlimmste Jahr in unserer Gegend begann jedoch am Gründonnerstag des Jahres 1637, das "Kroatenjahr", ein furchtbares Leidensjahr für die Bewohner unserer Heimat. Mord, Totschlag, Vergewaltigung, Brandschatzung und Verwüstung waren an der Tagesordnung. Die Menschen flohen in die Wälder und hausten dort monatelang unter primitivsten Verhältnissen und mußten sich zusätzlich noch einer einzusetzenden Wolfsplage erwehren.
Das Jahr 1638 bot, nach dem Abzug der Kroaten, ein grausames Bild; Ruinen, verbrannte Höfe, zerstörte Ackergeräte, unbestellte Äcker waren vielerorts das einzige, was den zurückkehrenden Bewohnern geblieben war. Noch weitere 10 Jahre litt die Bevölkerung unter den Schrecken des Krieges. Mal drangsalierten die Soldaten "Seiner Kaiserlichen Majestät", mal die "Böhmischen", mal die "Schweden" die Menschen. Aber auch die Fürsten untereinander befehdeten sich mit ihren Söldnertruppen. So versuchte der Landgraf von Hessen-Darmstadt noch im Jahre 1647 mit 20.000 Mann Hessen-Kassel zu besetzen. Wieder flohen die Menschen in die Wälder, wieder wurde gebrandschatzt und das wenige, was noch geblieben war, geraubt. Endlich, am 29. März 1648, überbrachte der schwedische Friedensgesandte in Melsungen die kaum glaubbare Botschaft. Der Krieg war zu Ende. Doch noch jahrelang plünderte umherschweifende Soldateska. Und der Hunger war ein alltäglicher Gast. In Röhrenfurth waren von den 33 vor Kriegsbeginn vorhandenen Häusern 10 zerstört und nicht wieder aufgebaut.
Der Krieg und die Pest hatten innerhalb von 50 Jahren fast die Hälfte der Dorfbewohner dahingerafft. Tiefe Mutlosigkeit hatte die Menschen befallen, und es dauerte Jahrzehnte, bis sich Dörfer und Städte von diesem Aderlaß erholt hatten.

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