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Von den Krankheiten

© Dorfgemeinschaft
Röhrenfurth

Letzte Änderung:
28.08.2011

800 Jahre Röhrenfurth (1982)
Geschichte und Geschichten eines Dorfes
Aktualisierte Ausgabe
Von den "geschwind pestilentzsich Kranckheyten"

Ihre Ursache und die Versuche der Ärzte, diese Krankheit zu heilen.

Nicht nur die Kriege forderten ihren Tribut von den Menschen unserer engeren Heimat, auch die Natur stellte sich sehr oft mit allerlei Plagen gegen sie. Überschwemmungen verwüsteten die im Fuldatal liegenden Äcker, nahmen in ihren Fluten die Ackerkrume mit und machten sie dadurch noch unfruchtbarer, als sie schon waren. Zur Reparatur der zerstörten Ufer mußten kostenlos Hand- und Spanndienste geleistet werden, und die dafür aufzubringende Zeit fehlte für die Bestellung der eigenen Felder. Nasse Jahre ließen die Frucht verderben, sehr strenge Winter sprengten die Rinde der Obstbäume, trockene und heiße Sommer hielten Halm und Ähre klein, das Futter für das Vieh und das Brot für die Menschen wurden knapp. Es ist für uns heute kaum vorstellbar, in wieviel Röhrenfurther Familien der Hunger ein alltäglicher Gast war.

Besonders hart wurden jedoch die Menschen im "Pestjahr" 1597 betroffen; keine Familie blieb vom Tod verschont, Trauer und Verzweiflung herrschten, schicksalsergeben mußten auch die Bewohner unseres Dorfes die Seuche über sich ergehen lassen.

Der Herbst des vorangegangenen Jahres hatte nach langer Regenzeit eine schlimme Mißernte gebracht. Das Getreide — von dem die Bevölkerung überwiegend lebte — war nicht ausgereift, feucht und stockig oder gar verschimmelt ergab es ein sehr minderwertiges Mehl, das auch noch mit allerlei Beimischungen gestreckt werden mußte. Die Menschen hungerten, wie schon so oft — da brach die Pest aus. Der "schwarze Tod", wie man die Seuche auch nannte, forderte erbarmungslos seine Opfer. Aus Röhrenfurth sind Zahlen oder Namen der Toten nicht bekannt. Gehen wir aber davon aus, daß im benachbarten Körle, das damals etwa 280 Einwohner hatte, 83 Menschen innerhalb kurzer Zeit starben, so können es in unserem Dorf, bei einer Einwohnerzahl von etwa 200, fast 60 Kinder, Frauen und Männer gewesen sein, die dieser durch nichts einzudämmenden, verheerenden Krankheit in wenigen Monaten zum Opfer fielen. Was war das nun für eine Seuche, die ein Sammelbegriff war für andere Krankheitsformen, die in regelmäßigen Abständen die Länder und die Menschen heimsuchte ? Mal war es der "Englische Schweiß" oder die "Kriebelkrankheit" (Krampfsucht) oder die "ungarische Krankheit" (Fleckthyphus) oder die Beulenpest, der schwarze Tod.
Die Pest des Jahres 1597 wurde von den Ärzten "Kriebelkrankheit", auch "Hiebelkrankheit" oder auch "Krümpfsucht" genannt und von der medizinischen Fakultät der Marburger Universität beschrieben. Danach wurden die Menschen anscheinend wahllos und ganz plötzlich befallen, beim Essen, auf dem Felde, bei der Hausarbeit.
Sie bekamen ein merkwürdiges "kribbeliches" Gefühl an sich, wie von Ameisenlaufen, daher auch der Name "Kriebelkrankheit". Die Kranken fingen an sich zu erbrechen, dann bekamen sie heftige Schmerzen, Fieber und Schüttelfrost. Manche krümmten (Krümpfsucht) oder dehnten sich wie ein Stück Holz, manche fielen in einen tiefen Schlaf, bis der Tod sie erlöste. Diese waren immer noch "am besten dran"; denn viele andere wurden irrsinnig vom Juckreiz, rissen sich die Kleider vom Leibe und liefen nackt durch die Felder. Wieder andere bekamen große Geschwulste und Blasen, vor allem an den Gelenken. Schließlich starben die meisten nach wenigen Tagen unter qualvollen Schmerzen. Die wenigen, die mit dem Leben davon kamen, blieben zeitlebens blöd, oder sie bekamen immer wieder krampfartige Anfälle. Was war die Ursache der Pest von 1597 ?
Die meisten Ärzte waren sich darin einig, daß es sich um eine Vergiftung der Erkrankten handele, hervorgerufen durch den Genuß von Mutterkorn. Jener schwarze, giftige Schmarotzer, der teilweise auch heute noch unser Getreide befällt (im letzten Jahr häufig an den Ähren der Gerste zu sehen), kam damals in Mengen vor, besonders in „nassen Jahren" und wurde zusammen mit den Körnern gemahlen und im Brot gegessen. In Jahren, in denen das Getreide ausreifen konnte, fiel das Mutterkorn schon vor dem Drusch aus und gelangte nicht in die Nahrung.
Dies ist wahrscheinlich auch die Erklärung dafür, daß den meisten "pestilenzisch Krankheiten" ein schlechtes Erntejahr vorausging mit Teuerung und Hunger. Die Ärzte jener Zeit, soweit man sie nach unseren heutigen Begriffen so nennen könnte, wurden vom Landgraf Philip I. in Kassel zusammengerufen, um zu "übersitzen, berathschlagen, und Recepta und Remidia auffs kurtzest für den gemeinen Mann stellen" zu lassen. Und sie beratschlagten, "mit was Artzney denen zu helfen" sei "beyd vor und in der krankheyt". Der Landesherr ermahnte in seinem "Pest-Edict": "Des mag sich nuhn ein jeder unserer underthanen nach seinem besten gebrauchen, Doch vornemblich das höchste Vertrauwen auff Gott den Herrn, welcher der einzig helfer ist setzen". Zur Praeseruation (vorbeugende Maßnahme) sollte man "das hertz von traurigkeyten und furcht, dergleichen das Hirn, von schwerer Imagination und gedancken dieser Krankheyt entladen, dann durch solche gedancken und furcht, das Herzt und Hirn geschwecht und präparirt wirdet, das Gifft ehe zu entfahen."
Die Ärzte hatten während ihrer Klausur vieles bedacht und erwogen, wie den Armen und den Reichen zu helfen oder die Seuche gar zu heilen sei. Und so lesen wir in diesem Pest-Edict von 1563 von allerlei Maßnahmen: "Die Luft belangende." "Soll man in den Heusern Morgents und Abents ein helles Feuhr machen von Eychenholtz, uff das der Rauch das haus durchgehe." Auch sollte man "des tags etzliche mahl reuchern mit Wermuten, Wacholder-holtz, Wacholderbeer, Wacholderwurtzeln, Lorbernbletter, Rauten, Eychenlaub, sampt und sondern, was man dessen gehaben mag... Die Reichen aber mögen brauchen andere Rauchpulfer, kertzlein, und küchlein. so dero wegen in sonderheyt in der Apotecken verordnet seyn."
"Den Leyb belangende": "ist vor allen dingen von nöten, das man sich mit essen und trincken nit überlade, sondern gantz messigklich halte." Alle Kräuter wurden aufgezählt, die "die Armen welche die Artzney nicht bezalen können, allen Tag einnemen sollen": Angelicam, Bibernellen, Lorbern, Pestilentzwurtzel, Meisterwurtz, Eisenkraut, weissen Diptam, Rauten, Entzian, Schwalbenwurtzel, Hirtzwurtz, Baldrian, Eberwurtz oder Beerwurtz. Den Armen wurde auch "die alte bewerte Lattwerg" empfohlen, "welch also gemacht wird: nemet zwo faygen, zween dürre welsch Nußkern, zwentzig Rautenbletter, und ein wenig Saltzes, solchs mit ein wenig Essigs zusamten gestossen und nüchtern eingenommen." Auch sollte man, wenn man "zu Krancken und in die vergiffte Lufft gehen müst" stets etwas im Munde haben, "als Angelicam in Essig gebeißt, oder Zittwar, Meisterwurtz oder Violenwurtzel". Für die Nasenlöcher wurde Rosenessig oder Rautensaft empfohlen und "die Armen können aus Wacholderholtz runde Knöpff trehen lassen, und ein Schwemlein in Essig und Rautensaft genetzt darin thun, daran zu riechen."
Die Anzeichen der Pestilenz werden so geschildert: "Wann einen ein Feber mit kelte und hitz anstößt, einem kurtzen Athem und Hauptwethumb bekümpt, kein lusten zum essen tregt, gern sich brechen wolt, ungewöhnlichen schlaff empfindet, Sonderlich aber wann sich Beulen und geschwer am Leib erzeigen."

Für die Curation (Behandlung) wurde vor allem Aderlassen und Schwitzen verordnet; bei Kindern, Alten und Schwangeren sollten statt des Aderlassens "Köpff gesetzt werden" (Schröpfköpfe) und danach wurde empfohlen, "den Krancken ein Brülein oder sonst ein sterckung einzugeben". Auch alle möglichen anderen Dinge, Salben, Pillen und Wässer zählten die Medici auf, von denen sie glaubten, die Krankheit heilen zu können. Wenn sich die Beulen zeigten, "ist von nöten, das dieselben nit zurück getrieben, sondern das Gifft daraus gezogen werde". Es sollten "Köpff" darauf gesetzt oder ein Zugpflaster aufgelegt werden, das man selbst herstellen konnte: "Nemet ein groß Zwiebel, hölet sie aus, füllet sie widder mit guten Tiriack (eine Mischung aus Honig, Opium, Zimt, Calumel, Baldrian, Calmus, Pfefferminz, ein Mittel gegen alle Krankheiten), machet sie widder zu, wicklets in ein Wergk das zuvor in essig genetzt sey, Lassets in heissr Aschen braten, zerstossets, machet ein Pflaster darauß, und legts auff die Beulen." Die Armen konnten es einfacher haben, sie "mögen gebraten Zwiblen oder saurteyg darauff schlagen".
Wenn man heute diese Rezepte liest, könnte man dazu verführt werden, ein wenig überheblich zu lächeln ob dieser "Naturheilkunde". Bedenken wir aber, mit welcher Verzweiflung die Menschen sich damals an diese Mittel geklammert haben, wenn der "schwarze Tod" umging, und denken wir auch daran, daß unseren "gelahrten Doctores" wenig oder gar nichts gegen die modernen Geiseln der Menschheit in die Hand gegeben ist. Bestimmt wird man in nicht gar zu ferner Zukunft über ihre heutigen Methoden lächeln.

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