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Willkommen in Röhrenfurth

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Röhrenfurther Glocken

© Dorfgemeinschaft
Röhrenfurth

Sie mahnen zum Frieden

Sie mahnen zur Besinnung

Im Advent 1961 wurden drei Glocken für Röhrenfurth gegossen

Das Thema

Glocken begleiten die Menschen ein Leben lang. Im Advent 1961 wurden für Röhrenfurth drei neue Glocken gegossen. Sie läuteten aber noch nicht zu Weihnachten, sondern erst im neuen Jahr 1962. Herbert Weber (85) ist der einzige noch lebende Zeitzeuge, der den Glockenguss miterlebt hat.

Von Manfred Schaake

Röhrenfurth. Süßer die Glocken nie klingen, als zu der Weihnachtszeit: s`ist als ob Engelein singen, wieder von Frieden und Freud. Alle kennen diesen Klassiker unter den Weihnachtsliedern. „In diesem Lied läuten uns die Glocken die frohe Botschaft vom Frieden Gottes für die Welt”, sagt Henning Meinecke (27), seit Sommer neuer Pfarrer in Röhrenfurth. In diesem Ort gehen in der Advents- und Weihnachtszeit die Gedanken zurück auf die Jahre 1961 und 1962. Im Advent 1961 herrschte Vorfreude auf die neuen Glocken.

Kranke Glockengießer. Nach jahrelangen Vorbereitungen hatte die Kirchengemeinde das Ziel, drei neue Glocken zum ersten Advent 1961 zu weihen. Das klappte nicht. Die HNA Melsungen, die damals Heimat-Echo hieß, berichtete: „Die Glockengießerei Rincker in Sinn kann den vorgesehenen Liefertermin wegen schwerer Erkrankung von 30 Prozent ihrer Arbeiter leider nicht einhalten.” Die Glocken wurden am Freitag vor dem 1. Advent, 30. November 1961, gegossen. Straßenbauermeister Wilhelm Fehr holte sie am 29. Dezember in der Gießerei in Sinn im Lahn-Dill-Kreis ab, am 28. Januar wurden sie feierlich geweiht.

Die Vorgeschichte. Röhrenfurth hatte nur zwei Glocken, 1628 von Kohler und 1815 von Henschel in Kassel gegossen. Die Henschel-Glocke ist Bestandteil des nun vierstimmigen Geläutes, die kleine Glocke hängt über der Friedhofskapelle.

Nicht eingeschmolzen. Die Henschel-Glocke musste für Kriegszwecke abgegeben werden. Sie wurde zum Glück nicht eingeschmolzen. Die Röhrenfurther fanden sie auf dem Glockenfriedhof in Hamburg wieder und holten sie 1947 zurück.

Gebimmel. In einem HNA-Bericht von 1961 spricht Hermann Drüner – von 1957 bis 1969 Pfarrer in Röhrenfurth – von Sehnsucht nach einem schönen Geläut. Er beschreibt den „Schmerz der Röhrenfurther gegenüber anderen Orten, sämtlichen umliegenden Dörfern, darin benachteiligt zu sein, dass sie praktisch kein Geläut haben”. Von Bimmelglöckchen ist die Rede.

Herzenssache. „Glockenklang will die Herzen anrühren.” Mit diesen Worten machte Drüner die neuen Glocken zur Herzenssache aller Einwohner. 13 000 D-Mark kosteten die neuen Glocken samt elektrischer Läuteanlage. Mehr als 7000 Mark wurden gespendet. Eine Glocke spendete Bäckermeister Wilhelm Bernhard.

Spendenfreudigkeit. Der spätere Pfarrer Harry Knuth hat in der Chronik festgehalten: „Dank der Initiative des Pfarrers Hermann Drüner und des Kirchenvorstandes sowie der Spendenfreudigkeit der Gemeindeglieder bekam unsere Kirche ein wohl abgestimmtes Geläut.”

Die Weihe. Probst Fuhr stellte die Predigt zur Glockenweihe unter das Bibelwort Jeremia 22: O Land, Land, Land, höre des Herrn Wort. In unserer Zeitung wird die Weihe als ein Fest innerer Freude beschrieben. Pfarrer Drüner wünschte, dass die Glocken einen friedlichen Zeitabschnitt einläuten mögen.  Und: „Der Klang der Glocke weckt im Menschen etwas, was in der Tiefe schlummert.” WEITERE BERICHTE

 

Dienet dem Herrn mit Freuden

Die Inschriften der neuen Röhrenfurther Glocken

Die neuen Röhrenfurther Glocken haben diese Inschriften:

o Dienet dem Herrn mit Freuden.

o Heute, so Ihr meine Stimme höret, so verstocket euer Herz nicht.

o Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben.

Mit dieser Aussage auf der größten Glücke mit dem Schlagton a, sagt Pfarrer Henning Meinecke, fordert das Glockengeläut jeden Menschen heraus: „Welchen Sinn findest du in deinem Leben? Dieses biblische ich-bin-Wort lädt uns ein, am göttlichen Lebens-Sinn-Entwurf teilzuhaben, der durch seine uneingeschränkte Liebe und tiefe innere Logik unfassbar viele Menschen glücklich gemacht und aus der Unsicherheit errettet hat. Dieser Glockenklang will also gleichzeitig mahnen, Besinnung schaffen und zur hoffnungsvollen Rettung führen.” (m.s.)

 

Nach dem Vaterunser floss die Lava

Herbert Weber gehörte zu der Abordnung, die den Glockenguss erlebte

Der heute 85-jährige Herbert Weber ist der einzige noch lebende Röhrenfurther, der 1961 den Guss der Glocken in der Gießerei Rincker in Sinn miterlebt hat. „Weil ich neugierig war und weil man so etwas nur einmal erlebt” hatte er sich für die Fahrt angemeldet. „Wir haben im Kleinbus gefroren”, erinnert er sich. An diesem Freitag, dem, 30. November, wurden in Sinn zur Sterbestunde Christi noch mehr Glocken gegossen. Weber war Dreher, arbeitete 48 Jahre bei der Bahn. Für den Glockenguss hatte er eigens einen Tag Urlaub genommen: „Wir arbeiteten 48 Stunden die Woche, auch samstags, und wir hatten nur zwölf Tage Urlaub im Jahr.”

„Nach dem Vaterunser floss die Lava, der Guss ging sehr schnell”, erinnert sich Weber an die 1100 Grad heiße Bronze. „Es klingt sehr gut, ein schönes Geläut”, kommentiert Weber die neuen Glocken in Harmonie mit der alten von 1815, „der Glockenklang ist in Fleisch und Blut übergegangen”. Webers Vater, der 1980 fast 97-jährig starb, sagte immer: „Hör mal, wie wunderschön das neue Fis-Glöckchen klingt.” Die Fis ist die kleinste Glocke im Geläut.

Herbert Weber ist übrigens der Gründer der Röhrenfurther Alphornbläser, die nicht mehr auftreten können. Neun Alphörner hat Weber selbst gebaut. (m.s.)

2016-02-12m.s.-ks_MG_LOKALES_20151208_12_09_22_567_jpgHeute noch vom Glockenguss 1961 fasziniert: Herbert Weber (85) war dabei. Foto: Schaake

 

Das sagt der Glockenexperte

Wie gelingt es, dass eine oder mehrere alte Glocken mit neuen harmonieren? Glockengießer Hanns Martin Rincker: „Wir können mit unserer Rippenkonstruktion an fast alle Glockenklänge musikalisch nachweislich angleichen.” Rippe ist in der Fachsprache die Glockenwandung. Dennis Willershausen aus Homberg, ein Fachmann, der sich zum Glockensachverständigen ausbilden lässt: „Die Anpassung der drei neuen an die alte Henschel-Glocke ist sehr gut gelungen. Auch die Klang-Disposition a, h, d, fis steht der Kirche hervorragend an.” (m.s.)

 

Glocken in Zahlen

2 kleine Glocken hingen im Kirchturm, bevor die Röhrenfurther 1961 den Guss von drei neuen Glocken in Auftrag gaben.

3 Formen aus Lehm sind für einen Glockenguss nötig. Zwischen Kern und Mantel wird aus Lehm die „Falsche Glocke” hergestellt. Sie wird abgehoben, der Hohlraum mit Metall gefüllt.

6 Glockengießereien gibt es noch in Deutschland.

915 Kilogramm wiegen die drei neuen Glocken.

1100 Grad heiß ist die Bronze – ein Gemisch aus Kupfer und Zinn – beim Guss.

1590 wurde die Glockengießerei Gebrüder Rincker gegründet. Sie ist nach eigenen Angaben die älteste Glockengießerei Deutschlands und die älteste Europas, die immer im Familieneigentum blieb.

20 150 Glocken hat Rincker bis heute gegossen, darunter viele für Kirchen in Nordhessen. Rincker-Glocken läuten auf allen fünf Kontinenten, sagt Hanns Martin Rincker, mit seinem Bruder Fritz Georg Eigentümer in der 13. Generation. Ein neunstimmiges Rincker-Geläut wurde für ein neues römisch-katholisches Heiligtum in Coquimbo in Chile gegossen, gesegnet durch Papst Benedikt XVI. im Vatikan. Für den Papst-Besuch 1996 im Sennelager goss Rincker fünf Glücken. (m.s.)

 
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Glockenklänge begleiten den Lauf des Lebens von der Taufe und Konfirmation über die Hochzeit bis hin zur Beerdigung, sagt Pfarrer Henning Meinecke, hier an einer der drei neuen Röhrenfurther Glocken. Fotos: Schaake



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Zier auf der größten Glocke: X und P stehen für die Initialen von Christus.

 

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